Die meiste Zeit ihrer Lebensdauer stand sie einfach nur rum. Ihre knallorange Signalfarbe strotzte vor Selbstbewusstsein. Sie trotzte dem Sturm und dem Regen, der Sonne und dem Schmutz, der ihr tagtäglich entgegen schleuderte. Sie stand da unerschütterlich und gab Hilfesuchenden und Menschen in großer Not und Unruhe Trost und Unterstützung. Wie oft haben sie Menschen innerlich umarmt. Denn wenn man sie endlich erreicht hatte, war eine nette Stimme nahe und die rettende Hilfe nicht mehr weit. Sie war über Jahre vielen Menschen in großer Unsicherheit Fels in der Brandung, Licht in der Dunkelheit, Hoffnungsschimmer im Chaos und Beruhigungspille in der Panikattacke: Die Notrufsäule an der Autobahn. Waren sie ursprünglich als Betriebstelefone für die Mitarbeiter im Straßenbau gedacht, entstand erst 1970 die heutige Nutzungsidee.
Wie so oft entstand aus großem Leid eine große Vision. Am 3. Mai 1969 wird der achtjährige Björn Steiger auf dem Rückweg vom Schwimmbad von einem Autofahrer erfasst. Passanten alarmieren sofort Polizei und Rettungsdienst. Doch es dauert fast eine Stunde, bis ein Krankenwagen eintrifft. Björn stirbt – nicht an seinen Verletzungen, sondern an einem Schock. Mit einem funktionierenden Rettungsdienst hätte er damals überleben können. Seine Eltern Siegfried und Ute Steiger setzten sich gegenüber Politik und Öffentlichkeit für eine bessere Notfallhilfe ein. Am 7. Juli 1969 gründen sie mit sieben Freunden die Björn Steiger Stiftung als gemeinnützigen Verein. Aus ihrer Initiative heraus entstanden der Notruf 110/112, die Rettungsflugwacht, der Baby-Notarztwagen, die Verbreitung von Laien-Defibrillatoren - und eben auch die knallorangen Notruf-Telefone an 35.000 Kilometern Straße.
Nun ändern sich die Zeiten mit ihren Gewohnheiten. In den siebziger und achtziger Jahren konnte man nicht ahnen, dass heutzutage jedes Schulkind mit einem eigenen Telefon in der Tasche durch die Gegend läuft oder Autos bei Unfall oder Panne inzwischen von selbst per eCall den Notruf auslösen können. Wurden die Notrufsäulen 2009 noch 167.000-mal genutzt, waren es im Jahr 2023 nur noch 30.000 Meldungen. Das sind immerhin noch rund 82 Nutzungen pro Tag. Bei 4,5 Millionen Euro Kosten im Jahr 2025 für Betrieb, Wartung und Instandhaltung - das sind über 12.000 Euro pro Tag - prüft die Autobahn GmbH die Stilllegung dieses Systems. Selbst für den ADAC sei eine Abschaltung des überalterten Systems nachvollziehbar. Allerdings müssten vorher Lücken in der Mobilfunkversorgung geschlossen sein und Notrufstationen in Tunneln dauerhaft erhalten bleiben.
Tatsächlich hat auch Gott eine eigene Notrufnummer. Sie ist komplett kostenlos, aber nie umsonst. Sie funktioniert immer, in Glück und Panne und sogar im Tunnel oder auf dem Berg. Sie lautet 5015. Denn im Psalm 50 Vers 15 sagt Gott: "Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen."

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