Neulich wurde ich fast zum Lebensretter. Aber auch nur fast. Auf der morgendlichen Runde mit dem Hund kam ich gleich zu Beginn an einem Trecker vorbei, der auf dem Feldweg stand. Gut, dachte ich, der Fahrer wird wohl telefonieren. Tat er aber nicht. Als ich direkt neben dem grünen Koloss stand, sah ich, dass der junge Mann scheinbar ein Nickerchen hielt. Schuhe ausgezogen, Füße in Wollsocken neben dem Lenker, und der Motor lief die ganze Zeit, damit sich der Fahrer bei dem kalten Winterwetter nicht den Allerwertesten abfriert. Ich hielt der Versuchung stand, zu klopfen und zu fragen, ob ihm etwas fehlen würde. Er wird sich bestimmt den Wecker für seinen Powernap gestellt haben. Dachte ich. Also bin ich meine Runde weitergegangen und verdrängte meine Sorgen und Selbstvorwürfe ("hättest du doch besser nach ihm gesehen"). Nach einer halben Stunde Spaziergang durch den Schnee stiegen Hund und ich wieder in unser Auto und wollten starten. Da sah ich hinter den Bäumen immer noch den Trecker stehen und machte mir nun ernsthaft Sorgen. Soll ich jetzt, was wahrscheinlich nicht erlaubt war, mit dem Auto über den verschneiten Feldweg hinfahren und nachsehen, ob der Fahrer vielleicht doch Hilfe brauchte? Oder sollte ich nach Hause fahren und mir den ganzen Tag vorstellen, dass am nächsten Tag in der Zeitung steht, dass ein junger Treckerfahrer in der Feldmark in seinem Trecker verstorben ist, weil sich niemand um ihn gekümmert hat?
Mitten in diesen Zwiespalt kam im Radio der Song "How to save a life" (deutsch: Wie man ein Leben rettet) aus einer bekannten Krankenhausserie. OK, dachte ich, wenn Gott nun schon Radiosongs benutzt, um so direkt zu mir zu sprechen und meine Bedenken auszuräumen, dann nichts wie hin. Ich gebe es zu: Es hat ein wenig Spaß gemacht, über den verschneiten Feldweg zu fahren und das etwas schneller, damit ich nicht in einer Schneewehe stecken bleibe. Zur Not hätte mich der Treckerfahrer auch rausziehen können, falls ich stecken blieb und er zwischenzeitlich nicht verstorben war. Ich stellte den Wagen zehn Meter vor dem Trecker ab. Der junge Mann lag da immer noch tiefenentspannt – oder kürzlich verschieden. Mit dem glaubensstarken Mut, im Auftrag des Herrn unterwegs zu sein, klopfte ich beherzt an die Treckertür. Der junge Mann zuckte derart zusammen, dass ich schon Angst hatte, er würde diesen Schreck nicht überleben. Aber dann öffnete er die Tür. Ich entschuldigte mich für die Störung und meinte, dass ich mir nur Sorgen um ihn gemacht hätte und nicht wüsste, ob er nur ein Nickerchen macht oder ihm etwas fehlt. Ihm fehlte nichts: Gott sei Dank! Also fuhr ich rückwärts zurück, bis ich wenden konnte und freute mich. Einmal darüber, nicht noch im Schnee stecken geblieben zu sein, und zum anderen darüber, trotz aller Bedenken beherzt geholfen zu haben (auch wenn nicht wirklich Hilfe erforderlich war).
Manchmal muss man einfach machen. Wenn Gott einem eine Idee, einen Einfall, einen Geistesblitz oder sogar eine Vision schenkt - und manchmal tut er das sogar mit einem Song im Radio -, könnte es sein, dass er uns damit bewegen und gebrauchen möchte. Vielleicht passiert so wenig in unserer Kirche und unserem ganz persönlichen Glaubensleben, weil wir gar nicht mehr darauf hören, was Gott uns sagen möchte? Dagegen könnte man ja etwas tun: Ohren, Hände und Herzen auf, Klappe halten, Hände falten und darum bitten, dass Gott zu uns spricht, wir auf ihn hören und uns von seiner Stimme bewegen lassen.

Foto: Mathias Beckmann / www.pixabay.com